Der knabenchor

was bewegt und begeistert

„Singen macht einfach richtig viel Spaß“, sagt er. „Nach der Probe fühlt man sich dann viel besser. Irgendwie freier.“

Ähnliches berichten auch Kjells Freunde im Chor: vom manchmal lustlosen Hinweg und davon, wie sie dann zwar erschöpft, aber in fast berauschtem Zustand wieder nach Hause fahren. Wie das passiert? „Keine Ahnung!“ Aber die Erfahrung treibt sie immer wieder dazu, den inneren Schweinehund Woche für Woche zu besiegen. Den Göttinger Neurobiologen Gerald Hüther verwundert die Aussage der Jungen ganz und gar nicht.

„Wenn man sich mit dem Thema Singen beschäftigt, kann man nur eines erstaunlich finden: Dass wir als Gesellschaft zu blöd sind, um zu verstehen, welche ungeheure Kraft im Singen steckt“,

sagt er. Gerade für Jungen habe Gesang – zumal in der Gruppe – etwas außerordentlich Anziehendes, erklärt er. „Sie erfahren im Chor einerseits das Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit, weil die Modulation der Stimmbänder eine Form extremer Körperbeherrschung voraussetzt. Andererseits machen Sie die Erfahrung, dass sie gemeinsam mit anderen etwas Großartiges schaffen können, was ihnen alleine nicht gelingen würde.“ Beim Singen werde außerdem ein Körpermuster aktiviert, dass dem der Angst genau entgegengesetzt sei. „Der Brustkorb dehnt sich aus, der Hals wird lang, man kann die Luft nicht anhalten“, erläutert Hüther. Im Gehirn der Jungen entstehe durch diese Glückserfahrung eine regelrechte Sucht.

Eine Sucht, die sie vor späteren Süchten im besten Fall sogar schützen könnte. Jungen gelten zur Zeit als die neuen Problemkinder der Gesellschaft, die zwischen Computersucht und fehlenden Idealen den Anschluss an die Moderne zu verpassen drohen. Der Hirnforscher kommt zu einem eindeutigen Schluss: „Die beste Prävention? Schaffen Sie es, dass Ihr Sohn gern in eine Pfadfindergruppe oder in einen Knabenchor geht!".

Singen habe viel mit Männlichkeit zu tun; das sei eine ganz neue Erfahrung. „Ein Solist empfindet nämlich bei einem Konzert nicht anders als ein Fußballer, der ein Tor geschossen hat.“ Anders als das Kicken, so ist sich die Musikerin sicher, spreche die Chorarbeit jedoch nicht nur einen Ausschnitt, sondern das ganze Repertoire der männlichen Gefühlswelt an. Darin sieht auch Gerald Hüther den unschätzbaren Wert des gemeinsamen Singens:

„Überlegen Sie mal: Eine solche Gelegenheit ihre innersten Gefühle auszudrücken, haben diese Jungen doch sonst kaum in ihrem Leben!“

Auszug aus: "Coole Jungs mit Kutte"
von Christiane Teetz, Zeit online, 10. März 2008